Klettern wie eine Gämse

Lilly wird an der Kletterwand mit einem Seil gesichert.

Lilly hängt in fünf Meter Höhe an der Kletterwand im B12. Das ist eine Kletterhalle. Ihre Kletterpartnerin steht unten und sichert sie. Lilly merkt, wie sie an den bereits angeschwitzten Klettergriffen langsam, Finger für Finger, abrutscht. Sie hat keinerlei Angst herunterzufallen, da sie gesichert wird und offensichtlich großes Vertrauen in ihre Kletterpartnerin hat. Jedoch spiegelt sich in Lillys Augen bereits die blanke Enttäuschung, da sie es nicht schaffen wird, bis ganz nach oben zu klettern. Schließlich kann sie sich nicht mehr halten und fällt ins Seil. Die untenstehenden Eltern machen große Augen und scheinen über den Absturz geschockt zu sein. Was für die Eltern erschreckend aussieht, ist für die Kinder im Gämsenclub völlig normal. Ihre Kletterpartnerin sorgt dafür, dass Lilly nicht tief fällt und lässt sie sicher ab. Lilly klettert seit ihrem fünften Lebensjahr und hat im Gämsenclub schon vieles rund ums Thema klettern gelernt.

Schon beim Betreten der großen Kletterhalle fällt auf, dass dort eine angenehme Atmosphäre herrscht. Hier klettern Menschen unterschiedlichster Altersgruppen gemeinsam, was eine familiäre Stimmung erzeugt. Die Kletterhalle ist sehr belebt, da es hier besonders am Wochenende viele Gäste gibt. Und dennoch ist es, dank der hohen, schalldämpfenden Wände nicht sehr laut. Aufgrund der vielen großen Fenster ist das B12 sehr hell und einladend. Die Fenster sind geöffnet und von draußen tönt beruhigendes Vogelgezwitscher herein. Leider liegt die Kletterhalle direkt an der Straße (an der B12), weswegen von draußen ebenfalls der Straßenlärm zu hören ist.

„Gemeinsam stark an einem Seil“ steht auch auf dem Gämsen-T-Shirt.

Das Klettern im Gämsenclub macht Lilly großen Spaß, da sie für ihr Leben gern klettert und Klettern in einer Gruppe noch viel mehr Spaß macht. Die insgesamt dreizehn Kinder im Gämsenclub helfen sich gern gegenseitig. Auch die Trainer sind mit dabei und helfen den Kindern mit Tipps und Tricks, so viele Klettertouren wie möglich zu meistern. Man merkt, dass sowohl zwischen den Kindern untereinander als auch zwischen Kindern und Trainern ein besonderes Verhältnis besteht, da sie alle freundlich und respektvoll miteinander umgehen. Dieser Zusammenhalt wird auch durch das Motto des Gämsenclubs „gemeinsam stark an einem Seil“ hervorgebracht.

Die Außen-Kletterwand.

Das größte Highlight beim Klettern sind jedoch die alljährlichen Regiocups. Das sind offene Kletterwettkämpfe für Kinder und Jugendliche. Die Regiocups sind in verschiedenen Kletterhallen und finden teilweise auch an Außenkletterwänden wie zum Beispiel an der Paul-Horn-Arena in Tübingen statt. Bei den Regiocups wird meist am Seil geklettert. Es wird unterschieden zwischen Geschlecht und Alter. Jedes Kind muss vier „Quali-Routen“ klettern, hierbei ist Quali 1 am leichtesten und Quali 4 am schwersten. Je nachdem, wie hoch man klettert, bekommt man eine bestimmte Punktzahl, hierbei geht es nicht um Zeit oder Schnelligkeit, sondern ausschließlich um die Höhe. Die Kinder mit den meisten Punkten kommen ins Finale und müssen dort eine weitere Tour klettern.

Lilly hat sich für den Regiocup in Reutlingen in einer Kletterhalle angemeldet. Vor Aufregung und Vorfreude kann Lilly an diesem Tag nicht lange schlafen, die Sonnenstrahlen scheinen in ihr Zimmer und als Lilly ihre gepackte Klettertasche sieht, wächst ihre Vorfreude und sie springt aus dem Bett. Auch ihre Familie ist bereits auf den Beinen und es kann los gehen nach Reutlingen. Sie fährt gemeinsam mit ihrer Familie, die zum Zuschauen und Anfeuern mitkommt, zur Kletterhalle. Dort trifft Lilly auf ihre Klettertrainerin Christina Schwarz und auf die Kinder aus ihrem Kletterkurs, die ebenfalls am Regiocup teilnehmen. Alle Kinder tragen ihr orangefarbenes Gämsen-T-Shirt, „damit man sieht, dass wir alle ein Team sind“, wie Lillys Trainerin sagt.

Lilly ist hier nicht oft klettern und ist beeindruckt von der riesigen Kletterhalle. Es gibt viele verschiedene Klettertouren, sowie mehrere kleine Kletterräume. In der Halle ist es ein bisschen stickig und überall tummeln sich Kinder, Eltern und Trainer.

Lillys Kletterausrüstung für den Regiocup: Kletterschuhe, Klettergurt und ein Magnesiabeutel.

Es herrscht eine angespannte Stimmung, da es immerhin eine Wettkampfsituation ist. Nach einer kurzen Begrüßungsrede kann es endlich losgehen. Die Kinder, die teilnehmen, können frei entscheiden, in welcher Reihenfolge sie die Quali-Routen klettern wollen. Lilly zieht sich ihren Klettergurt an, schlüpft in ihre Kletterschuhe und stellt sich zuerst bei Quali 1 an. Je weniger anstehende Kinder vor ihr stehen, desto größer wird ihre Aufregung. Als Lilly schließlich vor ihrer ersten Klettertour steht, zittern ihre Hände so stark, dass sie für einen Moment überlegt, einfach wieder nach Hause zu gehen. Aber um jetzt aufzugeben, ist Lilly viel zu ehrgeizig. Ihre Klettertrainerin meinte zwar „dabei sein ist alles“, aber wenn sie schon mitmacht, möchte Lilly auch weit kommen und ihren Eltern und allen andern Menschen zeigen, was sie kann. Ab dem Moment, als Lilly den ersten Griff berührt, ist ihre Aufregung wie weggeblasen. Sie klettert Quali 1 ohne Probleme bis ganz nach oben. Auch bei Quali 2 und 3 erreicht sie die volle Punktzahl. Ihre Anspannung und ihre Aufregung lassen nach, als sie jedoch vor Quali-Route 4 steht, schlägt ihr das Herz bis zum Hals. Quali 4 sieht deutlich schwerer aus als die anderen drei Routen. Lilly beginnt zu klettern. Die Griffe sind klein und da vor ihr schon viele andere Kinder versucht haben diese Route zu klettern, sind die Griffe dementsprechend rutschig. Da Lilly vor dieser Route schon drei andere geklettert hat, merkt sie, wie ihre Kräfte nachlassen. Lilly kämpft sich trotzdem weiter hoch, als sie jedoch kurz über der Hälfte angekommen ist, kann sie nicht mehr weiterklettern und rutscht ab.

Natürlich ist sie enttäuscht, dass sie es nicht bis ganz nach oben geschafft hat, dennoch ist sie sehr stolz auf sich. Jetzt kann sich sie entspannen und den restlichen Kindern beim Klettern zu schauen. Nach der Verrechnungszeit hängen endlich die Ergebnisse aus. Lilly hat es tatsächlich ins Finale geschafft. Nun muss sie die nächste Route im Vorstieg klettern. Vorstieg bedeutet, dass man das Seil selber einhängen muss. Das ist kraftaufwändiger und bringt mehr Risiken mit sich, da man hier meist viel tiefer fällt. Jedoch hat Lilly keine Angst davor, da sie es im Gämsenclub oft genug geübt hat und sie von professionellen Kletterern gesichert wird. Lilly hat sich in der Verrechnungszeit erholt und wieder neue Kraft geschöpft. Sie muss als erste Finalistin klettern. Sie läuft zur Finalroute. Alle Blicke liegen auf ihr, auch die neidischen Blicke der anderen Kinder entgehen Lilly nicht. Natürlich liegt jetzt ein enormer Druck auf ihr, da sie als einzige in der ganzen Kletterhalle klettert und alle nur ihr zuschauen.

Lillys Urkunde für den 6. Platz beim Regiocup in Reutlingen.

Da Lilly als erste Klettern darf, sind die Griffe noch nicht benutzt und sie hat die besten Chancen. Für Aufregung bleibt keine Zeit, es ist höchste Konzentration gefragt. Als Lilly anfängt zu klettern, ist es in der riesigen Halle totenstill, man hört nur wie sie langsam und Tritt für Tritt nach oben klettert. Die Kletterwand ist im Überhang, das bedeutet, dass sie nicht senkrecht nach oben geht, sondern die Steigung mehr als 90 Grad beträgt. Um einen solchen Überhang zu klettern, braucht man nicht nur Kraft, sondern auch eine gute Klettertechnik. Lilly klettert fast bis zur Hälfte, bis sie schließlich erschöpft, aber dennoch glücklich ins Seil fällt. In der Kletterhalle wird geklatscht, während Lilly abgelassen wird. Ihre Klettertrainerin lobt sie und auch ihre Familie schließt sie stolz in die Arme.

Beim Klettern kommt es nicht nur darauf an, wie stark man ist, sondern vor allem, dass man gut überlegt, was der nächste Griff ist und wie man die Kraft einteilt. Der der bedeutende Sportkletterer Wolfgang Güllich bringt es so auf den Punkt:

„Das Gehirn ist der wichtigste Muskel beim Klettern.“

Lilly hat es für den heutigen Tag geschafft mit dem Klettern und schaut nun interessiert ihren Konkurrentinnen zu.

Am Ende des Tages geht Lilly glücklich mit ihrer Urkunde aus der Kletterhalle, sie hat den 6. Platz belegt und ist sehr stolz. Der nächste Regiocup kann kommen.

von Lilly Schmidt (Klasse 9b)