Imkern – da steckt mehr dahinter!

Um ihn herum ertönt lautes Summen. Er schließt die Augen und genießt das bekannte Geräusch. Als er langsam seine Augen wieder öffnet, sieht er ein schwarzes feinmaschiges Netz vor sich. Es gehört zu seinem Schutzanzug, welcher ihn vor den Stichen der schwarz-gelben Insekten schützt. Dieser besteht aus rein weißem, festem Stoff und ähnelt rein äußerlich einem Weltraumanzug. Es ist eine Jacke mit engem Bund an Armen und Hüfte. Das Gesicht wird durch das Netz geschützt, welches die Sicht leicht einschränkt und das anfangs etwas gewöhnungsbedürftig zu tragen ist. Der Rest des Schutzanzuges ist jedoch bequem, da der Stoff sehr angenehm weich ist.

Herr Kienzle im Schutzanzug bei der Betrachtung einer Bienenwabe.

Stefan Kienzle ist Imker, das heißt, er beschäftigt sich mit der Haltung, Vermehrung und Züchtung von Honigbienen, als auch mit der Produktion von Honig und weiteren Bienenprodukten. Auf die Frage, was denn am wichtigsten sei, wenn man im direkten Kontakt mit Bienen arbeitet, antwortet er knapp: „Ruhig bleiben“. Das ist für ihn selbst jedoch kein Problem, da ihn das Summen der Bienen beruhigt. Er kennt aber auch ein paar Tricks und Kniffs, um die Bienen zu beruhigen. Zum Beispiel kalter, weißer Rauch, der aus Eierkartons oder Tannennadeln gewonnen wird. Er selbst benutzt  Nelkenöl, welches er vor der Arbeit auf seine weißen Handschuhe gibt, die aus demselben festen und weichen Stoff des Schutzanzuges bestehen, damit die Bienen „entspannter“ sind.

Selbstgemachte Bienenwachskerze

In seiner Familie ist Imkern fast schon Tradition, denn als er noch ein kleiner Junge war, hat er seinem Opa bei dessen Bienen gerne geholfen. Selbst wenn er ab und zu gestochen wurde, hat es ihm nichts ausgemacht. Als sein Opa schließlich starb, übernahm dann sein Vater die Bienen und er konnte weiterhin bei den anstehenden Arbeiten, wie z.B. Honig zu schleudern, helfen. Auch damals fand er es schon interessant, den Bienen bei ihrer Arbeit zu zusehen und ihr Verhalten zu beobachten. Als Herr Kienzle sich an diese Situation erinnert, muss er breit lächeln. Als seinem Vater Jahre später die Arbeit zu schwer wurde, fragte er seinen Sohn, ob er diese übernehmen wolle. Die linke Hand an die Hüfte gestemmt und mit der Rechten wild gestikulierend, erzählt er, dass er ohne zu zögern „Ja“ gesagt hat. Im darauf folgenden Jahr hat er gemeinsam mit seinem Vater seine Kenntnisse aufgefrischt und die Bienen in seinen Garten geholt. Anfangs war die Familie etwas skeptisch gegenüber den neuen Gartenbewohnern. Doch diese verschwand bei den meisten, da keiner von ihnen gestochen wurde oder sonst etwas passiert ist. Mit leichtem Stolz in der Stimme erwähnt er auch, dass er seiner Familie auch extra ein paar Vorsichtsmaßnahmen beigebracht hat: „Nicht direkt vorm Flugloch herumlaufen, sich von der Seite nähern und nicht von Vorne, Abstand halten, da die Bienen hoch fliegen.“ Anfangs hat er zwei Bienenvölker übernommen. Doch nach und nach arbeitet er sich erfolgreich ein, und er will mehr Völker haben. Die Gründe sind vielfältig: Spaß an den Bienen, leckerer Honig, Herstellung von Wachskerzen in unterschiedlichen Gummiformen. Ein paar der fertiggestellten Kerzen sind mit bunten Farben bemalt. Bei den einen, leuchten die spitz zulaufenden Blütenblätter in kräftigem Rot und bei den anderen strahlt die Latzhose des Bären in dunklem Blau. Daraufhin ließ er sich zeigen, wie man Bienenvölker vermehrt. Durch dieses Können bekam er jedes Jahr ein oder zwei Völker dazu. Er hat sich aber eine Obergrenze von zehn Bienenvölkern gesetzt, die er bisher aber noch nicht erreicht hat. Der Imker fügt noch hinzu: „Ich möchte zwar einmal so viele Völker haben, aber ich will dies nicht gewaltsam erreichen, sondern Stück für Stück, denn das Imkern soll mein Hobby bleiben.“

Eine Bienenwabe mit arbeitenden Bienen.

Als Herr Kienzle den glatten und etwas kühlen Metalldeckel des grasgrünen Bienenkasten öffnet, schlägt ihm ein Duftmeer aus verschiedensten Gerüchen entgegen. Er meint: „Der Geruch ist sehr schwer zu beschreiben, die Duftnuancen von Honig und Pollen sind aber besonders intensiv.“ Mit einem Grinsen, bei dem die Lachfältchen um seine Augen herum erscheinen, fügt er hinzu: „Es gibt sogar eine Therapie, wo extra die Luft aus dem Bienenstock eingeatmet wird.“ Als eine Biene mit ihren sechs Beinchen auf seinem Handschuh landet, hält er seine Hand ganz dicht vor das schützende Netz, sodass er das gelbliche Fell auf dem Rücken der Biene genau sehen kann. Er erklärt, dass Arbeiterbienen wie diese, im Sommer nur 20-21 Tage leben und dass die Winterbienen, die zusammengezogen zu einer Wintertraube, den Bienenstock selbst heizen, bis zu einem halben Jahr lang leben, da sie nicht so viel leisten müssen wie die Sommerbienen. Nachdem das Insekt weitergeflogen ist, macht er sich daran eine der Waben aus dem Kasten zu ziehen. Als er sie am Holzrahmen, der um die Wabe herum befestigt ist, greift und sie hochhebt, wird das Summen noch lauter, sodass er kaum das hohe Vogelgezwitscher rechts neben ihm hört. Auf der Wabe tummeln sich noch viele Bienen beschäftigt mit ihrer Arbeit Honig einzulagern oder dem Ausbau von Waben. Der Imker hat Glück, denn in diesem Gewimmel sieht er eine Biene, die größer ist als die anderen und mit einem weißen Punkt am Rücken gekennzeichnet ist. Es ist die Königin der Bienen. Von ihr gibt es pro Volk nur eine einzige, die drei bis fünf Jahre lebt und spätestens nach 15 Tagen schlüpft. Außerdem kann sie bis zu 2000 Eier pro Tag legen, welches einiges mehr als ihr eigenes Körpergewicht beträgt. Die Königin wird beim sogenannten Hochzeitsflug von mehreren Drohnen begattet, welche kleiner als die Königin sind, aber größer als die Arbeiterbienen.

Abfüllen des Honigs

Die männlichen Bienen leben im Sommer bis zu fünf Wochen, bis sie laut Herr Kienzle: „nicht mehr gebraucht werden.“ Denn die Drohnen, die beim Begattungsflug erfolgreich waren, sterben, denn ihre Geschlechtsteile bleiben in der Königin stecken und werden somit aus ihnen herausgerissen. Die übrigen Drohnen teilen dieses Schicksal gewissermaßen auch, denn sie werden nach der Begattungszeit von den Arbeiterbienen verjagt oder umgebracht, da sie sie ansonsten nur durchfüttern müssen, weil sie sonst keine anderen Aufgaben haben. Die Bienenkönigin verlässt den Stock nur während des Hochzeitfluges und der Schwarmzeit im Mai und Juni. In dieser Zeit kann ein Bienenvolk aus bis zu 50 000 Bienen bestehen. Wenn ihnen der Platz zu eng wird, ziehen sie eine neue Königin heran. Kurz bevor diese jedoch schlüpft, zieht die bisherige Königin mit einem Drittel oder der Hälfte der Bienen los und sucht einen neuen Platz. Früher waren dies zum Beispiel hohle Baumstämme, die es heutzutage aber kaum noch gibt. Da solche freilebenden Bienenschwärme oftmals nur geringe Überlebenschancen haben, ist es für die Imker besonders wichtig, diese rechtzeitig einzufangen. Herr Kienzle erzählt dazu: „Als ich einmal nicht zu Hause war, hat sich ein Bienenvolk in einem Baum in meinem Garten eingenistet. Als ich dann wieder heim kam, erzählten mir die aufgeregten Nachbarn, dass an ihrem Fenster plötzlich eine große, schwarze Wolke, die aus den kleinen Insekten bestand, vorbeiflog, gefolgt von einem Ohrenbetäubendem Summen, dass man selbst im Haus drinnen noch gehört hat.“ Natürlich gibt es für die Bienen sowohl natürliche als auch unnatürliche Gefahren. Unnatürliche Gefahren wären zum Beispiel: Pestizide oder Spritzmittel, denn diese sind sehr giftig für Bienen. Aber auch das frühe und allzu viele Abmähen der Wiesen ist nicht sehr gut, denn dann gibt es dort keine Blüten mehr. Eine natürliche Gefahr sind die Veroamilben, hellbraune mit dem bloßen Auge kaum erkennbare Parasiten. Diese sind wie Zecken, sie sitzen auf die Biene und saugen diese aus und infizieren sie mit Krankheiten. Und wenn sie in die Brut gelangen, dann schlüpfen die Bienen verstümmelt, wie zum Beispiel mit beschädigten Flügeln. Wenn ein Volk veroageschädigt in den Winter geht, ist dieses geschwächt und die Wahrscheinlichkeit ist um einiges höher, dass das Volk den Winter nicht überlebt. Eine Biene fliegt an Herr Kienzles weiß gestrichener Hauswand entlang und landet auf einer Blume. Die zart violetten Blütenblätter sind rundlich und verlaufen zum Ende hin spitz zu. Das kleine Insekt steckt seinen Rüssel in die Mitte der Blume und nimmt so Nektar auf. Dieser kommt anschließend in den Honigmagen, wo Enzyme dazugegeben werden. Wenn sie genügend Nektar gesammelt hat, fliegt die Biene zurück und übergibt diesen einer Arbeiterin, wobei er wiederum in deren Honigmagen landet. Der „Nektar“ wird dann in einer Honigwabe eingelagert.  Wenn diese voll ist und die Luftfeuchtigkeit zwischen 18-20% ist, wird sie getrocknet und mit einer dünnen Wachsschicht verdeckelt. Dies geschieht zum Schutz vor Feuchtigkeit und Schmutz. Herr Kienzle hat bereits vier volle Waben aus dem Bienenkasten herausgeholt. Zuerst nimmt er ein Gerät in die Hand, welches einen breiten Griff und mehrere lange Zinken, wie eine Gabel hat.

Die Bienenwabe wird zur Bearbeitung aus dem Bienenstock geholt.

Dieses Gerät wird Entdeckelungsgabel genannt. Er setzt die Spitze vorsichtig ganz oben am Rand der Wabe an und fährt mit einem gekonnten Zug über die Wabe. Er muss aufpassen, dass er nur die dünne Wachsschicht über dem eingelagerten Honig entfernt. Während er dies tut, wird der süßliche Geruch nach Honig immer stärker und ihm läuft ab und zu ein bisschen der zähflüssigen Masse über die sauberen Hände. Herr Kienzle nimmt etwas von den Übrigbleibseln, die aus einem Gemisch aus Deckelwachs und Honig bestehen in den Mund. Genießerisch schließt er die Augen und kaut mit langsamen Kaubewegungen darauf herum. In seinem Mund breitet sich  eine einzigartige Geschmacksexplosion aus Honig und Wachs aus. Dies ist etwas, dass er sehr gerne macht, da er so den ganz frischen Honig schmecken kann und dessen besonderes Aroma, welches er nicht zu beschreiben weiß. Die fertig entdeckelten Waben setzt er schließlich in ein metallenes Fass auf vier Füßen, der Honigschleuder. Als die vier Waben darin positioniert sind, drückt er auf einen großen, roten Knopf an der Seite und die Halterungen mit den Waben beginnen sich wie in einer laufenden Waschmaschine zu drehen. Der flüssige Honig wird herausgeschleudert und läuft über eine Rinne am Boden durch den Doppelsieb in den großen Honigeimer. Überall um ihn herum riecht es süßlich und er wäscht seine klebrigen Finger unter lauwarmem Wasser ab. Natürlich muss der frische Honig jetzt auch noch in die Gläser, dazu öffnet der Imker einen breiten Hahn am Honigeimer und der Honig fließt in die auf einer Waage stehenden Gläser. Er leuchtet bernsteinfarben im Licht und füllt langsam das Glas aus. Herr Kienzle achtet darauf, dass in jedem Glas die vorgesehene Menge ist. Wenn alle Gläser geschlossen sind, werden sie etikettiert. Auf den vorbestellten Etiketten stempelt er seine Adresse mit schwarzer Farbe auf und schreibt handschriftlich die Mindesthaltbarzeit auf. Er fügt hinzu: „Eigentlich hat Honig gar kein Ablaufdatum, aber vom Gesetzgeber her muss man halt eines aufschreiben.“  Diese Worte unterstreicht er, indem er die Schultern langsam hochzieht und schnell wieder sacken lässt. Die kühle Luft bläst Herr Kienzle ins Gesicht, als er mit einem lauten ratsch eine kleine braune Tüte auf reist. Es ist eine von Imkern empfohlene Mischung mit vielen abwechslungsreichen Blumen. Herr Kienzle sät diese oft in seinem Garten in der leicht feuchten Erde aus, um seinen Bienen etwas Gutes zu tun. Er selbst empfiehlt auch diese Mischungen zu kaufen, da diese nicht nur den Bienen etwas Gutes tun, sondern auch einem selbst, da dort sehr schöne Blumen enthalten sind und man im eigenen Garten ein paar schöne bunte Farben mehr hat. Er setzt sich auf die kleine hölzerne Bank neben dem Bienenkasten, lehnt sich zurück und beobachtet die Bienen bei ihrer Arbeit. Da sieht er, wie einige Bienen in die gleiche Richtung davon fliegen und meint: „Die haben wohl ein Plätzchen mit vielen Blumen gefunden.“ Wenn eine Biene so einen Ort findet, fliegt sie zum Bienenstock zurück und kommuniziert mit ihren Artgenossen, indem sie den Schwänzeltanz aufführt. Dort zeigt sie an, wo die Stelle, wie weit weg sie ist und was für Blumen dort zu finden sind. Somit können die anderen Bienen dieser Beschreibung folgen und mehr Nektar in kürzerer Zeit einsammeln. Als eine Biene auf Herr Kienzles Arm direkt auf der sonnengebräunten Haut landet, schaut er diese bloß kurz an und bleibt ganz ruhig. Er hat keine Angst gestochen zu werden, da die kleinen Insekten nur stechen, wenn sie sich bedroht fühlen. Natürlich wurde er bei seiner Arbeit mit den Bienen auch schon mal gestochen, aber dazu meint er: „Klar macht mir das Gestochen-Werden nicht so Spaß, aber wenn es nur ein bis zwei Stiche sind, dann geht’s noch.“ Er selbst wurde auch schon zehnmal auf fast die gleiche Stelle gestochen. „Dass macht dann keinen Spaß mehr, ich konnte kaum noch laufen!“ Während er dies sagt, schüttelt er gemächlich den Kopf und schaut sein linkes Bein an. Trotz dieser Erfahrung macht es ihm nichts aus mit den Bienen zu arbeiten. Während er die Bienen immer noch gebannt beobachtet, erzählt er, was ihn am meisten an diesen kleinen Insekten beeindruckt, nämlich ihre Leistung.

Der verkaufsfertige, abgefüllte und etikettierte Honig.

Denn für ein einziges Honigglas fliegen die Bienen zwei Mal um die ganze Wellt. Die Sonne scheint warm auf Herr Kienzles Gesicht. Er schließt die Augen und genießt das beruhigende Summen seiner Bienen.

von Madlen Reichert (Klasse 9a)