Was du schon immer rund ums Tierheim wissen wolltest

All diese Menschen warten darauf, mit einem Hund Gassi gehen zu können.

Es ist zehn Minuten vor 14 Uhr. Die Sonne strahlt, der Himmel ist leicht bewölkt und es weht eine sanfte Brise. Vor dem Tor des Reutlinger Tierheims wartet die Menschenmasse freudig darauf hereingelassen zu werden. Darunter ist auch Tamara. Von drinnen hört man die Hunde bellen, welche schon vorfreudig darauf warten, Gassi zu gehen. Die anderen Leute machen auf Tamara einen glücklichen und zufriedenen Eindruck. Viele kennen und unterhalten sich miteinander, da sie regelmäßig zum Tierheim gehen.

Mittlerweile ist es genau 14 Uhr und das Tierheim öffnet. Das zuvor menschenleere Gelände füllt sich mit vielen Leuten und es herrscht eine hektische, aber trotzdem angenehme Atmosphäre. Die Gassi-Geher holen sich eine Leine von dem üppig gefüllten Leinenständer und stellen sich an dem Gassi-Geher-Treffpunktauf. Tamy steht glücklicherweise am Anfang der Schlange.

Das ist ein großer Vorteil, denn es kommt oft vor, dass zu viele Gassi-Geher da und zu wenig Hunde verfügbar sind. Häufig stehen Hunde zum Gassi gehen nicht zur Verfügung, da sie an diesem Tag für einen Interessenten reserviert sind. Daher bekommt der eine oder andere motivierte Gassi-Geher an manchen Tagen keinen Hund ab, was etwas schade ist. Aber es ist natürlich schön, dass es so viele Interessenten für die Hunde gibt.

Direkt hinter Tamy in der Schlange steht ein Mann mittleren Alters, mit Brille und kurzen Haaren. Er unterhält sich gerade mit einer älteren Frau. Tamy fragt ihn, wie oft er sich die Zeit nimmt, um einen Hund hier aus dem Tierheim auszuführen. Darauf erwidert er, dass er ein bis zwei Mal pro Woche und zusätzlich an fast jedem Samstag kommt. Er meint zudem, es wäre für ihn kein Problem, derart viel Zeit zu investieren, da er sehr tierlieb ist und es ihm viel bedeutet, den Tieren zu helfen.

Tamy geht mit Border Collie „Nash“ Gassi, um den Gassi-Geher-Führerschein zu erwerben.

Nun verteilen die Tierpfleger und Tierpflegerinnen die aufgeregten Hunde, die Gassi gehen müssen und vor allem wollen. Unter den vielen Leuten stehen allerdings nicht nur „reine Gassi-Geher“, sondern auch diejenigen, die zusätzlich noch Hundepaten sind. Diese haben einen festen Hund, mit dem sie nicht nur Gassi gehen, sondern den sie auch finanziell mit einem monatlichen Beitrag unterstützen. Die Paten werden zuerst mit einem Hund versorgt. Danach sind die Gassi-Geher dran, also auch Tamy. Als erstes muss man seinen „Gassi-Geher Führerschein“ vorzeigen und abgeben, denn ohne den darf man keine Hunde ausführen. Diesen Schein erhält man, nachdem man an einer zweieinhalbstündigen Schulung teilgenommen hat, in der auf die Besonderheiten im Umgang mit den Hunden des Tierheims hingewiesen wird. Zum einen besteht diese aus einem informativen Theorieteil, in dem allgemeines Wissen zum Umgang mit fremden Hunden erläutert wird. Außerdem wird das Hundeverhalten und bestimmte Situationen im und um das Tierheim erklärt. Zusätzlich wird erläutert, was alles verboten ist. Zum Beispiel ist das Mitbringen von eigenen Leckerlies und das Verfüttern von diesen nicht erlaubt. Zum anderen besteht die Schulung aus einem Praxisteil. Hier wird mit deren Hunden die Leinenführigkeit geübt, wie auch das Verhalten bei Begegnungen mit anderen Hunden, Joggern oder Radfahrern.

Das Gassi-Gehen im Tierheim in Reutlingen scheint wohl äußerst begehrt zu sein, weshalb die Schulungen normalerweise für das nächste halbe Jahr ausgebucht sind. Auch Tamy musste, nachdem sie sich für eine Schulung anmeldete, etwa ein halbes Jahr warten, bis sie diese tatsächlich durchführen konnte. Die Schulungen finden in Gruppen ab mind. vier Teilnehmern statt, doch diese sind immer voll besetzt. Außerdem kosten sie pro Person 25 Euro. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Erlaubnis zum Hundeausführen ist, dass dies erst ab 16 Jahren genehmigt wird. Jeder unter 16 Jahren braucht grundsätzlich eine erwachsene Begleitung, die das „Gassi-Geher-Diplom“ hat. Da Tamy noch nicht 16 Jahre alt ist, braucht auch sie eine erwachsene Begleitung an ihrer Seite. Deshalb macht sie die Schulung zusammen mit ihrer Mutter und führt auch die Hunde zusammen mit ihr aus.

Finn genießt seinen Spaziergang.

Nun wird Tamy von der Tierpflegerin zu einem Außengehege geführt, wo ihr ein Hund an die Leine gemacht und der Name genannt wird. In diesem Fall heißt er Finn. Er hat ein karamellbraunes, wuscheliges, weiches Fell, weißes an der Brust, an den Pfötchen und an der Schnauze und als Besonderheit zwei unterschiedliche Augenfarben. Eines ist blau, das andere braun.

Doch bevor es mit ihm losgeht, wird noch kurz mitgeteilt, welche besonderen Eigenschaften das Tier hat. Zum Beispiel, ob es aggressiv auf andere Hunde reagiert, keine kleinen Kinder mag, ob es nicht mag, gestreichelt zu werden oder ob es total brav ist und man ihn ruhig locker an die Leine nehmen darf. Dies wird bei jedem Hund gemacht. Nachdem das geklärt wurde, verlässt Tamy mit ihrem wunderschönen Vierbeiner erstmal zügig das Tierheim. Genauso wurde es ihr im Lehrgang beigebracht, sodass es zu keinen Schwierigkeiten mit anderen Tierheimhunden kommt. Denn viele verstehen sich nicht gut und würden aufeinander losgehen.

Nun kann das Gassi gehen starten! Es kommen ihnen viele andere Hunde entgegen, da sie sich noch nahe am Tierheim befinden. Wenn sie an einem vorbeikommen, macht Tamy die Leine kürzer und geht mit dem quirligen Finn auf die entgegengesetzte Seite des Weges. Was man in so einer Situation nicht machen sollte, ist, sich zwischen die beiden Hunde zu stellen. Denn falls sie aufeinander losgehen, sollte man nicht zwischen ihnen stehen. Wenn man aufmerksam unterwegs ist, kann man ggf. schon von Weitem den entgegenkommenden Hund einschätzen und demnach reagieren. Um nicht ständig anderen Vierbeinern zu begegnen, laufen Tamy und Finn nicht auf dem gut gefüllten Hauptweg weiter, sondern biegen in einen saftig grünen Wiesenweg ab, der in den sonnenbestrahlten Wald führt. Das gefällt auch dem Hund besser, als eine harte, betonierte Straße. Nur wenig später sind sie vom Tierheim schon weit entfernt.

 

Nebenbei bemerkt, hat das Reutlinger Tierheim derzeit ca. 2500 Mitglieder. Diese sind regelmäßig in den unterschiedlichsten Bereichen aktiv und etwa 100-150 Personen agieren gleichzeitig in einem Fachgebiet. Mit den jährlich ca. 1800 Hunden, Katzen, Kleintieren, Vögeln usw. gehört das Tierheim zu den Größten Baden-Württembergs. Bundesweit bekannt und anerkannt ist es für die vorbildlich kontrollierte Gruppenhaltung von Hunden mit großen, für Hunde angenehmen, Ausläufen. Es hat ein eigenes Tierärztinnen-Team und einen eigenen Ausbildungsplatz für Tierheim- und Pensionspflege.

Eines der großen Außengehege im Tierheim: Genügend Platz zum Spielen und Bewegen.

Nach etwa 40 Minuten kommen Tamy und der aufmerksame Finn wieder am Tierheim an. Die Stimmung dort ist um einiges entspannter geworden und auch kein Hundebellen ist mehr zu hören. Sie laufen zum Treffpunkt und warten darauf, dass eine Tierpflegerin kommt. Als erstes bekommt man seinen „Gassi-Geher-Führerschein“ wieder zurück, auf dem der Name und die Telefonnummer des Besitzers steht. Anschließend wird der mittlerweile ruhiger gewordene Hund an die Pflegerin übergeben, welche ihn in seinen Zwinger bringt.

Man kann Gassi-Geher oder Tierpate werden, doch es gibt noch zahlreiche andere tolle Möglichkeiten, den Tierheimtieren zu helfen. Selbstverständlich wäre es für sie am schönsten, ein neues Zuhause zu bekommen. Doch auch nur dann, wenn sich die neuen Besitzer artgerecht um ihr neues Familienmitglied kümmern können.
Weitere Varianten sind Geldspenden, Sachspenden (z.B. Decken, Handtücher und Tierzubehör aller Art, möglichst in gutem Zustand) und die ehrenamtliche Mitarbeit für die verschiedensten Aufgaben im Tierheim. Durch eine Mitgliedschaft im Tierschutzverein Reutlingen erhält man eine Mitbestimmung in den Mitgliederversammlungen. Zusätzlich hilft der Mitgliedsbeitrag, den Tieren etwas Gutes zu tun. In einem Testament kann man einen Teil seines Vermögens sogar dem Tierheim vererben.

„Es freut mich, wie viele uns mit den unterschiedlichsten Möglichkeiten unterstützen und somit den ganzen Tieren bei uns helfen“, erzählt eine Tierpflegerin. „Vor allem Gassi-Geher gibt es sehr viele Freiwillige“.

Das Tierheim bietet viele Veranstaltungen an, wie z.B. den Ostermarkt, der am 26. März dieses Jahr stattfand und ein riesiger Erfolg war. Eine andere Mitarbeiterin verriet: „Ich finde es erstaunlich, wie hoch der Erlös aus solchen Veranstaltungen ist, den wir dann in das Tierheim investieren können“.

Du willst auch helfen? Dann melde dich beim Tierschutzverein Reutlingen.

Inzwischen ist es 17:05 Uhr und das Tierheim schließt. Tamy verabschiedet sich von den Pflegerinnen, die gerade dabei sind, den Tieren das Abendfutter zu bringen. Sie verlässt das große Gelände des Tierschutzvereins Reutlingens durch das quietschende Eingangstor. Im Hinausgehen hört sie das Bellen von Finn, als ob er rufen würde: „Komm bald wieder.“

von Tamara Kretschmann (Klasse 9b)