Hinter Kulissen und vor Masken – über Oper und Make-up

Die Darsteller der Oper La Bohème in Balingen.

 

Langsam schließen sich ihre Augen, ganz ruhig liegt sie da, fast so als würde sie schlafen. Traurig zünden ihre Freunde eine Kerze an für sie. Schaunard, ihr Geliebter, kniet neben der Toten, die ihren rosafarbenen Muff in den Händen hält. Dann schließt sich der Vorhang. Stille. Links und rechts wischen sich Zuschauer gerührt die Tränen aus dem Gesicht. Dann folgt donnernder Applaus. Der Vorhang öffnet sich wieder und die Darsteller verbeugen sich mit einem freundlich strahlenden Lächeln. Unglaublich, wie echt sie in ihren Kostümen wirken, so authentisch. Jubelrufe ertönen. Es wird gepfiffen und geklatscht. Als Nächstes verbeugen sich die Solisten noch einmal einzeln. Mimi, die Frau, die im letzten Bild so tragisch verstarb, lächelt freundlich dem Publikum entgegen. Das Make-up lässt sie dennoch ein wenig kränklich wirken. Unglaublich, wie viel so ein bisschen Schminke ausmachen kann. Doch kaum einer ahnt, wie viel Arbeit hinter einem solchen Aussehen steckt. Ob es nun die dunklen Augenringe Mimis oder die fast schon unheimlich langen Finger Parpignols, mit den rot lackierten Fingernägeln sind. Kleine Details, die kaum auffallen, aber dennoch eine so große Rolle spielen. Eine völlig gesund wirkende Tote ist nur halb so eindrucksvoll, wie eine, die tatsächlich so aussieht, als läge sie im Sterben. Diese Merkmale sind so wichtig und doch nehmen nur wenige sie bewusst wahr. Sie sind so zeitaufwendig, aber kaum einer merkt es. Um es trotzdem zu erfahren, wirft man also einen Blick hinter die Kulissen und schaut sich die Arbeit der Maske einmal genauer an.

Auf dem Weg dahin scheint die Mittagssonne grell auf den nassen Asphalt. Den Blick wendet man lieber Richtung Boden, um von dem weißen Licht nicht geblendet zu werden. Es ist nicht wie das warme Licht der Herbstsonne, welches alles in ein schönes Goldgelb taucht. Das Licht der Wintersonne blendet. Man könnte meinen, es will das trostlose Aussehen der kahlen Bäume auch noch betonen. Heute Abend findet die letzte Vorstellung der Oper La Bohème in der Balinger  Stadthalle statt. Eine Tortur aus stressigen, nervenaufreibenden, aber natürlich auch schönen Momenten findet heute ihr Ende. Und es wäre keinesfalls gelogen, zu sagen, dass viele der Mitwirkenden darüber auch ein wenig froh sind. Denn gerade die letzten Wochen waren doch auch sehr kräftezehrend. Der Ort des Geschehens, die Balinger Stadthalle, bietet Platz für Veranstaltungen aller Art, aber eben auch Opern. 2010 wurde sie grundsaniert und erstrahlt seither in neuem Glanz. Eine große Glasfront, die den Haupteingang schmückt, und eine architektonisch sehr moderne Form verleihen der Stadthalle Eleganz und lassen sie sehr eindrucksvoll wirken. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich der eher schlicht gehaltene Künstlereingang. Wenn man hindurch geht, gelangt man direkt an eine Kreuzung. Geradeaus befindet sich der große Saal. Er ist in einer dreieckigen Form aufgebaut. Vorne befindet sich natürlich die große Bühne, davor liegt der Bereich für das Orchester. Dieser ist allerdings tiefer gelegt. Die Musiker werden vom Publikum also gehört, jedoch nicht gesehen. Jenes nimmt auf den unzähligen Sitzreihen dahinter Platz.

Luna (links) und Lara (rechts) kümmern sich um das Make-up der Darsteller.

 

Noch ist kaum etwas los im Saal, die meisten Darsteller sind noch nicht einmal eingetroffen und auch sonst sind nur Wenige hier zu sehen. Wenn man den Saal verlässt, kommt man links zu den Maskenräumen und zwei der Garderoben. Hier ist schon ein wenig mehr los. Maske eins ist bereits vollzählig. Sie besteht aus einem Make-up-Artist, namens Ahmed, einem Mädchen aus der Ober-, Lara, und einem Mädchen aus der Mittelstufe, Luna. Die Abteilung Maske, also die Leute, die für das Make-up verantwortlich sind, ist in zwei Gruppen aufgeteilt. Maske eins ist für die Solisten und aufwendigeren Make-ups zuständig, Maske zwei kümmert sich um kleinere Rollen, wie z.B. die Chorleute. Da diese eine deutlich größere Zahl ausmachen, besteht Maske zwei auch aus mehr Leuten. Alle sind Mädchen der 7.-12. Klassen des Firstwald-Gymnasiums Mössingen. Von ihnen ist im Moment noch keine da, schließlich dauert es ja auch noch, bis die Darsteller ankommen. Insgesamt stehen der Maske drei Räume zur Verfügung. Einer für Maske eins, der an den langen Seiten mit beleuchteten Spiegeln ausgestattet ist, und an den kurzen je eine Tür besitzt. Maske zwei hat zwei Räume, einen großen mit langer Tischreihe für unzählige Make-up-Utensilien und Stühlen sowie einen eher kleinen mit Waschbecken, WC, Tischen und Spiegeln darüber. Dieser Raum trägt den Namen Styling-Bar, da hier auch zahlreiche Hair-Styling-Produkte stehen, damit sich die Darsteller ihre Frisuren machen können. Denn dafür bleibt in der Maske selbst keine Zeit.

Der vierte Tag, an dem richtig geschminkt wird, beginnt für die drei aus Maske eins inzwischen ziemlich entspannt. Die am Tag zuvor ausgewaschenen Schwämmchen und Pinsel, die zum Trocknen auf Heizungen und Tücher gelegt wurden, werden wieder auf die einzelnen Tische verteilt. Ganz gemütlich richten Ahmed, Lara und Luna ihr Make-up an ihrem Platz zurecht und setzen sich bequem auf ihre Stühle, denn es dauert noch ein wenig, bis die erste Person kommt, die geschminkt werden muss. Im Hintergrund tönt die Stimme von Sam Smith, welche über die Tage bereits zur gewohnten Hintergrundmelodie geworden ist, auch wenn sie meist nur zu Anfang läuft, weil später niemand mehr eine zusätzliche Geräuschquelle gebrauchen kann, da es auch sonst schon laut genug ist. Der erste Darsteller betritt den Raum. Er hat zwar eigentlich nur eine kleinere Rolle – er spuckt im zweiten Bild Feuer auf einem Marktplatz – aber sein Make-up ist trotzdem eines der aufwendigsten und deswegen ist auch Ahmed komplett dafür verantwortlich. Während dieser die letzten paar Handgriffe am Feuerspucker-Make-up vornimmt, ertönen draußen auf dem Gang Schritte, die Tür zum Raum wird geöffnet und zwei Darstellerinnen treten ein. Alle begrüßen sich herzlich. Noch ist die Runde sehr locker, schließlich gibt es noch keinen Grund zur Hektik.

Nach und nach füllen sich die Räume der Maske.

 

Erst gegen später fängt der Stress an, sobald alle unter Zeitdruck stehen und sich der Maskenraum in ein Durchgangszimmer verwandelt. Die beiden Frauen, die im Übrigen Prostituierte spielen, nehmen Platz und bekommen von Lara und Luna erst einmal die Fondation, also das Grund-Make-up, aufgetragen. Die Handgriffe der Mädchen sind inzwischen sehr routiniert. Gezielt greifen sie zum passenden Farbton und kurze Zeit später sind sie mit ihrer Basis auch schon fertig. Bevor das Make-up der beiden Frauen von Ahmed beendet werden kann, werden ihre Haare auf die später folgenden Perücken vorbereitet. Einzelne Strähnen werden eingedreht und auf dem Kopf festgesteckt, solange bis alle Haare aus dem Weg sind. Dann wird den beiden noch eine Art Nylonstrumpf über die Frisur gestülpt. Dies dient sowohl der Stabilität als auch der späteren Optik der Perücke. Jetzt folgt das eigentliche Makeup und schon sind die Prostituierten fürs erste fertig. Die Perücken werden erst kurz vor dem Auftritt aufgesetzt. Schließlich sind sie ziemlich unbequem und sollen auf der Bühne noch genauso aussehen wie im Maskenraum. Ab jetzt treffen nach und nach alle Darsteller ein und auch die Mädchen der Maske zwei sind größtenteils angekommen. Manche von ihnen spielen selbst im Sück mit und können deshalb nicht die ganze Zeit anwesend sein. Heute läuft alles schon sehr geordnet ab, alle sind miteinander vertraut und  jeder weiß, wann er wo zu sein hat. Schade nur, dass es eben auch schon die letzte Aufführung ist. Die Oper La Bohème besteht aus vier Bildern und wurde von Giacomo Puccini komponiert. In ihr geht es um das Leben und Lieben der einfachen Künstler im Paris der 1830er Jahre. Mimi, eine der Hauptrollen, betritt gerade den Raum. Inzwischen ist die Luft vom Geruch nach Haarspray und Make-up-Produkten durchzogen. Die Tür ist schon längere Zeit dauerhaft offen, damit wenigstens ein bisschen Sauerstoff in den Raum gelangt. Dies hat aber leider auch zur Folge, dass der Lärmpegel stetig steigt. Auf dem Gang rennen andauernd Menschen hin und her und aus den anderen Maskenräumen dringen die Lauten Stimmen der anderen herein. Durch den Lautsprecher an der Wand über der Tür kann man immer wieder eine Stimme hören, die angibt, wie viele Minuten noch bleiben bis zum ersten Bild.

Viel Zeit ist es nicht mehr und so langsam geraten auch Ahmed, Lara und Luna ins Schwitzen. Das ist zwar nicht zu vergleichen mit dem Stress am ersten Tag hier, aber trotzdem ist die Stimmung nicht mehr ganz so ausgelassen wie heute morgen. Mimi bekommt von Ahmed ein paar Locken, während Parpignol lange rote Fingernägel angeklebt bekommt. Auch er verbringt nur eine geringe Zeit auf der Bühne, dafür aber eine ganze Menge Zeit in der Maske. Sein Make-up ist eines der aufwendigsten. Trotz Stress plaudern die drei aus der Maske noch fröhlich mit den Darstellern und lassen sich den Spaß an der ganzen Sache nicht nehmen. Auch wenn ihre Arbeit am Ende von den meisten Zuschauern kaum wahrgenommen wird. Während sich Lara und Luna um die Ballettkinder kümmern, welche ungeduldig auf ihren Auftritt warten, betritt nun auch die letzte Darstellerin den Maskenraum. Sie spielt die Musetta, ebenfalls eine der Hauptrollen. Nachdem auch sie mit den Balettkindern den Raum verlässt, können Lara, Ahmed und Luna ein wenig verschnaufen und die Materialien grob sortieren. 17 Darsteller haben die drei heute schon geschminkt und nun sind nur noch kleine Veränderungen an ihnen nötig. Mimi muss von Bild zu Bild blasser aussehen, andere bekommen neue Haare oder verlieren ihren Schnurrbart, weil sie die Rolle wechseln müssen. Durch die Lautsprecher ertönen die Klänge der Oper. Im Moment läuft das erste Bild. Im Maskenraum eins haben sich ein paar Leute eingefunden und quatschen nun gemütlich mit Lara und Luna. Ahmed ist währenddessen hinter der Bühne, um den anderen Darstellern zu helfen oder sich um andere Dinge zu kümmern. Heute wollen sich auch die beiden Mädels die Oper ansehen, weswegen sie mit den anderen Zuschauern zum zweiten Bild den Saal betreten. Der große Raum ist nicht so gut gefüllt wie die letzten zwei Male. Das macht es den beiden leicht, einen Platz zu finden. Sie schauen sich das Stück bis ganz zum Ende an und sind sehr gerührt. Als die Darsteller unter kräftigem Applaus auf die Bühne kommen, können Lara und Luna ein letztes Mal ihr Werk betrachten.

Ein letztes Mal verbeugen sich die Darsteller, bevor der Vorhang in Balingen fällt.

 

Die dunklen Augenringe Mimis, die langen roten Nägel Parpignols und die eindrucksvollen Perücken der beiden Prostituierten. All die kleinen Details, die sie nun so viel besser sehen als vorher. Denn sie wissen wie viel Aufwand in ihnen steckt.

von Luna Martinez Fleuchaus (Klasse 9b)

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