Flucht ist kein Kinderspiel

Mein Bruder hat mir gesagt: Du schaffst das, du schaffst das!

Angst, Verzweiflung, Ungewissheit, das sind Gefühle, die jeder, der aus seiner ursprünglichen Heimat fliehen musste, kennt. Besonders für die Heranwachsenden unter den Flüchtlingen ist dies ein traumatisierendes Erlebnis.

Die Rede ist von den sogenannten UMF, was ausgeschrieben „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ bedeutet, also Jugendliche, die ohne einen Erziehungsberechtigten nach Deutschland gekommen sind. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan (42%), Syrien (28%) und aus dem Irak (8%). Die Jugendlichen aus diesen Länder haben später auch die besten Chancen, Asyl bewilligt zu bekommen.

Was hält die Zukunft für Sami bereit?

Auch Sami kommt aus Afghanistan (Name zum Schutz geändert). Mit 15 Jahren kommt er mit seinem nur wenig älteren Halbbruder nach Deutschland. Sie sind über einen Monat unterwegs und durchqueren zehn verschiedene Länder.

Alle zwei Wochen ist zuhause eine Bombe eingeschlagen.

Sie fliehen vor dem Krieg, vor bewaffneten Konflikten, der Gewissheit zu verhungern, vor einer Zwangsrekrutierung als Kindersoldat, familiärer Gewalt oder der Gewalt gegen die ganze Familie.

Mein Vater wurde entführt. Ich weiß nicht, wo er ist.

Gründe gibt es viele, und doch haben diese jungen Flüchtlinge wie Sami alle etwas gemeinsam. Sie wollen weg, hinaus aus der Gefahr.
Sie machen sich auf den Weg ins Ungewisse, durch viele fremde Länder, ohne genauen Plan, ohne zu wissen, ob sie es schaffen und wo sie ankommen werden.

Wir haben drei Tage nichts gegessen.“-

Schwierigkeiten gibt es zu Hauf, wie zum Beispiel nicht genügend Geld, eine Schlepperbande zu bezahlen, ohne die mancher Weg nicht möglich ist, keine Nahrung und nichts zu trinken, Verletzungen oder Krankheiten, die einen lahm machen, Sorge um die Familie, die bleiben musste, und noch so sehr viele andere Hindernisse.

Sie laufen endlose Wege, tags und nachts, bei Kälte, Hitze oder Unwetter. Sie sind in überfüllten Lastwagen unterwegs oder in stickigen Verstecken in irgendwelchen Fahrzeugen. Tag für Tag von Neuem. Sie müssen zahlreiche Strapazen und Gefahren durchleben, die manch andere davon abhalten, sich überhaupt auf den Weg zu machen. Also wie, wie schaffen es diese jungen Leute, das alles durchzuhalten? Die Antwort ist: Hoffnung.- Hoffnung auf ein Leben in Frieden. Viele von ihnen schaffen es nicht. Sie kommen nicht weit, werden gefasst und zurückgeschickt oder sterben kurz vor ihrem Ziel. Tausende Flüchtlinge sterben beim Versuch, das Mittelmehr zu überqueren. Die Boote sind heillos überfüllt mit Menschen ohne Schwimmwesten und über die Hälfte von ihnen kann nicht schwimmen.

Ich war 15. Ich hatte große Angst!

Solche Szenarien sind nicht zu vergessen und schwer zu verdrängen. Besonders für Heranwachsende, die eigentlich gerade genug Probleme haben. Sie haben die Angst gefühlt, haben Weggefährten umkommen sehen und wussten, dass ihnen dasselbe Schicksal nur zu leicht selbst wiederfahren könnte. Deshalb ist es umso wichtiger, sie so schnell wie möglich aufzunehmen, sie „aufzufangen“ und ihnen das Gefühl von Sicherheit zu geben. Dieses Verfahren nennt man Erstscreening und wird meist von dem Jugendamt vor Ort übernommen. Die jugendlichen Flüchtlinge werden bei dieser vorläufigen Inobhutnahme bei geeigneten Personen oder in einem sogenannten Clearinghaus untergebracht. Dort wird der gesundheitliche Zustand, das Alter sowie eine gewisse psychische Stabilität für die Umverteilung auf die Bundesländer getestet. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge kamen allein im Jahr 2017 ca. 8.100 unbegleitete Minderjährige nach Deutschland, was eine Verteilung auf die verschiedenen Bundesländer dringend nötig macht. Die Umverteilung findet anschließend an das Erst-Screening, innerhalb von vierzehn Tagen statt. Die Jugendlichen kommen in eine entsprechende Unterbringung, wo sie versorgt und betreut werden. Hier beginnt die Arbeit der Sozialarbeiter und Pädagogen. Einer von ihnen ist bereit, ein Interview zu führen, will aber zum Schutz der Jugendlichen, die er betreut, nicht namentlich genannt werden. Trotzdem möchte er gerne einen Einblick in seine Arbeit mit den geflüchteten Jugendlichen geben.

Der sozialpädagogische Betreuer möchte aus Angst vor Anfeindungen anonym bleiben.

Als erstes ist es wichtig, einen Vormund für die Jugendlichen zu finden, da sie ja noch nicht volljährig sind und keine Sorgeberechtigten in Deutschland haben. Der Vormund übernimmt also vor dem Gesetz die Elternrolle und vertritt die Jugendlichen rechtlich. Er unterstützt bei der Gesundheitsfürsorge, Sicherstellung von Schul- und Ausbildungszugang und natürlich auch im Asylverfahren.

Die größte Aufgabe der zuständigen Pädagogen ist es, die Jugendlichen zu integrieren.

In ihrem Herkunftsland hatten sie einen völlig anderen Alltag und auch die Menschen dort, sie ticken anders. Die jugendlichen Flüchtlinge müssen in Deutschland einen komplett neuen Alltag erlernen. Sie müssen Deutschland ´lernen`,“ meint der Sozialarbeiter.

Man kann sich als Außenstehender nur schwer vorstellen, wie schwierig es sein muss, wenn vieles, was man von klein auf als richtig und falsch beigebracht bekommen hat, auf einmal nicht mehr stimmt. Es muss anfangs ein regelrechter Kulturschock sein. Doch wie integriert man diese Jugendlichen? Ein in diesem Punkt sehr wichtiger Aspekt ist natürlich, die Sprache zu lernen. Dafür gibt es spezielle Sprachschulen, die den jugendlichen Flüchtlingen alltagsnah die deutsche Sprache näherbringen.

Anfangs verständigt man sich mit Händen und Füßen. Man wird sehr schnell sehr kreativ und findet irgendeinen Weg sich auszudrücken!

Die Jugendlichen tasten sich langsam immer weiter vor, wie ein Kind, das die Welt entdeckt, müssen auch sie viel neu entdecken. So auch die deutsche Kultur.

Wir machen viele Ausflüge und Kochen zusammen. An einem Tag gibt es etwas typisch Deutsches aus der Region, also zum Beispiel ´Spätzle mit Soß`. Am nächsten Tag dürfen die Jugendlichen zeigen, was für Gerichte sie von ihren Eltern kennen.

Es geht also nicht darum, den sich einlebenden Jugendlichen die neue Kultur aufzuzwingen und von ihnen zu verlangen ihre alte völlig zu vergessen. Es geht darum, sie an die Hand zu nehmen und ihnen die neue Kultur als eine neue Facette schmackhaft zu machen. Und mit was sollte das besser gehen als mit Spätzle?

Mit den Heranwachsenden zu kochen, ist natürlich nicht die einzige Aufgabe der Betreuer. Man ist das „Mädchen für alles“. Man unterstützt sie beim Lernen und bei den Hausaufgaben, hört zu, tröstet bei Heimweh und vieles mehr.

Die Jugendlichen kommen mit einem ganzen Paket von Schwierigkeiten an. Sie sind in der Pubertät und haben dazu noch die Last von allem, was sie erlebt und durchgemacht haben, zu tragen.“

Sami erinnert sich gut wie es für ihn war, vor fast zwei Jahren in Deutschland anzukommen.

Es war schwer für mich, aber trotzdem sehr schön, endlich angekommen zu sein.“

Inzwischen ist er fast fertig mit der Schule und macht bald seinen Abschluss.

Ich habe so viele Ziele, die ich erreichen will. Ich muss einfach Gas geben!

von Alissa Stalder (Klasse 9b)

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