Von Bahnhof zu Bahnhof: Eine Gleisreportage

So lang wie das Gleis sind unsere Sorgen bei unserem ersten Reportagevorhaben.

Der kalte Wind weht uns ins Gesicht. Tausend Fragen kommen uns in den Sinn. Was wird passieren? Wie werden wir das Gespräch beginnen? Was werden wir fragen? Wie werden die Leute reagieren? Wird jemand das Interview verweigern? Nach langen, kalten fünf Minuten trifft der Zug endlich am Bahnhof ein. Mit gemischten Gefühlen steigen wir in den Zug. Die warme Luft kommt uns entgegen. Der Zug ist voller Leute, fast jeder Sitz ist belegt. Wir sehen uns im Zug um und halten Ausschau nach Menschen, die wir ansprechen können. Sie sollten möglichst freundlich, offen und entspannt aussehen. Im besten Fall sollten sie alleine unterwegs und nicht beschäftigt sein. Die Stimmung zwischen den Leuten ist träge, es ist sehr ruhig und kaum jemand sagt ein Wort. Jeder ist mit seinen eigenen Dingen beschäftigt. Viele sind am Handy, hören Musik, lesen eine Zeitung oder ein Buch. Bei uns entstehen Hemmungen eine der Personen anzusprechen. Es fällt uns schwer sich auf einen Fahrgast zu einigen. Es scheint uns immer etwas nicht zu passen. In der Hoffnung eine für uns geeignete Person zu treffen, steigen wir in Bodelshausen aus dem Zug. Nach langem Überlegen haben wir unseren Mut zusammengenommen und einen jungen, beschäftigt aussehenden Mann mit dunklen Haaren, einer schwarzen Jacke und einer Zigarette in der Hand angesprochen. Seinen Namen wollte er nicht bekannt geben. Er erzählte uns, dass er jeden Tag wegen seiner Arbeit nach Bodelshausen kommt und mit dem Zug zu seinem Heimatort nach Tübingen zurückfährt. Bis Mitte Dezember wird er noch mit dem Zug fahren, da er seinen Führerschein für einen Monat abgeben musste. Nach unserem ersten Interview steigen wir in einen weiteren Zug ein. Wir sind nun etwas mutiger. Auch in diesem Zug herrscht eine ruhige Atmosphäre. Nach kurzer Zeit wird diese Ruhe durch eine technische Störung unterbrochen. Die falsche Tür geht auf. Der Ausgang führt direkt auf die Gleise. Man sieht die Ratlosigkeit in den Gesichtern der Fahrgäste, denn niemand weiß, wie er mit dieser Situation umgehen soll. Jeder reagiert anders, ein älterer Junge springt aus dem Zug und rennt über die Gleise, während eine ältere Dame ratlos vor der Tür stehen bleibt, bis die richtige Tür geöffnet wird. Unser nächster Haltepunkt ist der Bahnhof in Nehren. Dort entdecken wir eine Gruppe von Kindern. Als wir sie zu unserem Thema befragen wollen, weisen sie uns mit einem unsicheren Blick höflich zurück. Wir vermuten, dass ihre Eltern sie vor Fremden gewarnt haben. Als nächstes befragen wir eine nette, aufgeschlossene und sympathische Frau. Ihr Name ist Veronika. Sie steigt nach ihrer Arbeit in Balingen-Süd in den Zug, mit dem sie bis nach Nehren fährt, um nach Hause zu kommen. Da sie der Meinung ist, dass es billiger ist, mit dem Zug statt mit dem Auto fahren, fährt sie schon seit längerem mit dem Zug. Während des ganzen Gesprächs umgibt uns der unangenehme Geruch einer Zigarette. Es scheint jemand nicht zu interessieren, dass es ein Rauchverbot am Bahnhof gibt oder dass eine Gruppe von Kindern nur wenige Meter neben ihm steht. Während wir am Bahnhof in der Kälte stehen und auf den nächsten Zug warten, sehnen wir uns nach der Wärme, die im Zug herrscht.

Der Bahnhof in Hechingen.

Auf dem Weg nach Hechingen fällt unser Blick auf eine uns bekannte Person: der 17-jährige David aus Hechingen. Da er in Tübingen-Derendingen auf die Schule geht, steigt er dort in den Zug ein, um im Anschluss mit einem Bus von Hechingen nach Rangendingen nach Hause zu fahren. Da ihn seine Eltern nicht fahren können und er erst im nächsten Jahr ein Auto bekommt, fährt er jeden Tag mit Bus und Zug. Unserer Erfahrung nach ist man im Interview offener und selbstbewusster, wenn man seinen Gesprächspartner bereits kennt. Als nächstes wollen wir einen jüngeren Mann befragen, welcher an einem Interview mit uns scheinbar kein Interesse hat. Er erzählt uns, dass er dringend seinen Chef anrufen muss und daher leider keine Zeit für uns hat. Nach weiterem Beobachten stellt sich heraus, dass es sich um eine Lüge handelt.

Hier finden Gleisarbeiten statt.

Während der 15-minütigen Wartezeit sehen wir, dass sich viele Arbeiter am Bahnhof nicht an das Rauchverbot halten. Außerdem bemerken wir, dass der Bahnhof belebter ist und sich mehrere Leute kennen und sich unterhalten. Irgendwie spiegelt sich auch dieses Verhalten im Zug wieder. Die Leute sind fröhlicher und offener und die Stimmung ist allgemein fröhlicher. Offensichtlich kommen die meisten Leute von der Arbeit zurück. Angekommen an unserer letzten Station in Bodelshausen, befragen wir eine weitere junge Frau namens Fanny. Sie macht einen sehr netten aber zurückhaltenden Eindruck auf uns und seltsamerweise sind wir in diesem Gespräch eher angespannt und unsicher. Sie ist der Meinung, dass man sich wichtigere Dinge kaufen kann als ein Auto. Jeden Wochentag fährt sie daher von Bodelshausen, wo sie eine Schule besucht, nach Balingen zu sich nach Hause. Sie findet, dass es umweltfreundlich ist mit dem Zug zu fahren. Fanny fragt uns einige Male, ob diese Reportage veröffentlicht wird. Wir werden es sehen. Und während wir das denken, rauscht ratternd ein Zug an uns vorbei.

von Vannessa Wütz und Caitlin Dell (Klasse 9a)