Pilgern Juli 2017 – eine besondere Studienfahrt

Gute Laune: Malte, Nick, Lasse, Cornelius, Viktoria (v.l.n.r.)

„Yeah-Ha.“ „Stimmung!“ Von Weitem ist schon der Freudenschrei zu vernehmen oder das jubelnde „Stimmung!“ zu hören. Cornelius hat zuweilen ein Gespür, wann die Gruppe eine kleine Aufmunterung gebrauchen kann. Und dann umkreisen die Freudensilben die müden Pilgerleiber, dringen ins Ohr und bringen ein kleines Schmunzeln auf die Lippen.

Ja, Pilgern. Das ist geradezu Mode geworden. Menschen machen sich auf und wollen in der Fremde zu sich selbst laufen. Manche spüren bei so einem Lauf auch Gott. Vielleicht hatten wir eine ähnliche Motivation. Wer weiß das schon ganz genau. Vielleicht wollten wir auch nur modern sein. Vielleicht haben wir ja auch einfach nur unsere Studienfahrt als Wanderung unternommen. Dann will ich wenigstens festhalten, dass es eine besondere Studienfahrt war, jedenfalls für mich.

Bereits die Busfahrt ist ungewöhnlich. Der Fahrer fährt einen heißen Reifen und Isabel wird zunehmend bleicher. Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, kann hier nicht abschließend geklärt werden. Fest steht, der Bus muss Pausen machen und aus Isabel will es herausbrechen. Benjamin und ich lassen es uns natürlich nicht nehmen, Isabel dabei auf die Schulter zu klopfen. Irgendwann kommen alle zur Ruhe und in den Schlaf. Beim ersten Blinzeln scheint die Zeit einen Sprung gemacht zu haben. Wir sind da. Wien. Ausstieg. Frühstück. Im A und O. Es kann kein Zufall sein, dass unsere erste Übernachtungsstätte sich mit griechischen Buchstaben schmückt: Alpha und Omega. Während die Hostel-Kette damit auf das Wesentliche anspielt, sehe ich eher das Alpha, den Start unserer Reise buchstabiert. Frühstück gibt es also und zwar reichlich. Danach machen wir quasi eine Stadt-Pilger-Etappe. Wir laufen ins Zentrum von Wien. Mit der Vienna Wien Tram ziehen wir unseren Kreis auf dem Ring und auf dem Stephansdom gewinnen wir schnaufend Höhe und Überblick. 137 Meter. Über 343 Stufen. Das stimmt. Wir haben sie gezählt. Katzenschau ist unsere nächste Bestimmung. Aber im Naturhistorischen Museum Wiens gibt es noch mehr zu bestaunen. Die Architektur beeindruckt, die Exponate sind exotisch und wir sind müde. Auf dem Naschmarkt kosten wir uns in kleinen Gruppen durch die Vielfalt der Küchen. Rückkehr ins Hostel. Kurze Pause. Im Wiener Salm Bräu klingt der Abend herzhaft und ein wenig bierselig aus. Ich meine, während ich hier schreibe, ein hallendes „Stimmung! Sechs Maß!“ zu hören.

Beim Frühstück am nächsten Morgen achtet jeder darauf genügend Proviant und Wasser mitzunehmen. Heute ist der eigentliche Start der Pilgerreise auf dem Wiener Wallfahrerweg nach Mariazell. Im Stadtteil Perchtoldsdorf am alten Wehrturm und der Pfarrkirche Sankt Augustin verlassen wir das städtische Gebiet und begeben uns steil an zu unserem ersten Rastplatz, die Kammersteiner Hütte. Auf diesem Weg treffen wir ein älteres Ehepaar. Die Frau erzählt uns, dass sie selbst bereits über 15 Mal nach Mariazell gepilgert sei. Die Falkenschlucht unserer vorletzten Etappe kündigt sie uns sehr ermutigend als höllischen Schreckenspfad an. Wir werden sehen. Zudem verkündet sie noch, dass Frauen die besseren Läufer seien. Auch das werden wir sehen. Wir nähern uns dem 1133 gegründetem Kloster durch Wald und über Wiesen. Einige unserer Gruppe – darunter auch Benjamin – kommen in eine Art Pilgerrausch und wettpilgern vollends zum Kloster. Wettpilgern ist eine ganz neue Disziplin des Wallfahrens, bei der im Laufschritt mit schwerem Gepäck Stöcke und allerlei Tricks eingesetzt werden. Wer zu den Tricks Fragen hat, wendet sich am besten an Reneè und Benjamin. Wenn ich richtig informiert bin, setzt sich Malte vor Daniel U. und Sandra zielsicher durch.

Ein junger Mönch führt uns durch das alte Zisterzienserkloster.

Blick aus dem Kreuzgang.

Nach und nach treffen alle im Kloster Heiligenkreuz ein und gönnen sich ein Ankunftsgetränk. Dann werden die Zimmer bezogen. Alle freuen sich auf das Abendessen. Aber das Abendbrot ist tatsächlich gefühlt ein Brot und fällt eher klösterlich genügsam aus. Daraufhin führt uns ein sehr junger Mönch durch das Kloster. Im Gespräch erfahren wir viel über die Geschichte der Zisterzienserabtei. Der etwa 22-Jährige klärt uns zudem über die sog. Kandidatur, das Noviziat und die zeitliche Profess auf. Dieses zeitliche Gelübde kann für drei Jahre abgelegt und auch verlängert werden. Die Mönche werden in der Zeit „Junior“ genannt und haben feste Aufgaben in der Abtei, wie z.B. Besucher durch das Kloster zu führen. Auffällig ist, dass der junge Mann sehr viel über schöne Frauen spricht. In der abendlichen Diskussion versucht der blutjunge Mönch Hannah, Lara und Viktoria sein konservativ-katholisches Männer- und Frauenbild zu vermitteln. Irritiert gehen die jungen Frauen zu Bett, während bei Lorenz, Daniel U. und Lasse der Hunger noch so groß ist, dass sie nach der Klosterführung polnische Instantsuppen kochen. Irgendwer muss gehört haben, dass wir hungrig zu Bett gegangen sind, denn das Frühstück viel reichlicher aus. Wir werden herzlich verabschiedet.

Auf nach Kaumberg zum Renzenhof. Es ist heiß. Es wird geschwitzt. Lorenz leiht mir sein blaues Kopftuch. Ab jetzt wird cool gepilgert. Das Laufen zeigt die ersten Auswirkungen. Die Gruppe zieht sich in die Länge. Einige haben schon mit Blasen zu kämpfen und müssen langsamer gehen. Wiederum haben Malte, Cornelius und Leon Schwierigkeiten damit, langsam zu laufen auf den wild-romantischen Wegen des Wienerwaldes. Wir machen Pausen und warten immer wieder auf die anderen. Bei einer Pause in Hafnerberg lerne ich die Yoga-Übung „Der Kranich betet die Sonne an“ unter Anleitung von Lisa F. und Lara kennen. Es ist eine beflügelnde Befreiung. Sarah leidet unterdessen an ihren blutigen Blasen und Benjamins Knie schmerzt. Die Gruppe teilt sich. Lisa W., Luisa und Sandra laufen in freundschaftlicher Verbundenheit mit Sarah einen kürzeren Weg zum Renzenhof, die anderen gehen über Klein-Mariazell. Dort machen wir auf einen Priester vermutlich einen allzu weltlichen Eindruck. Denn als wir aufbrechen wollen, hält er uns mit recht ruppigen Worten auf und ordnet an, dass wir warten sollen. Er verschwindet und kehrt zurück; nun im vollen Ornat mit Weihwasser und Aspergill ausgerüstet. Er besprengt uns alle mit Weihwasser und segnet uns. Das ist ein versöhnlicher Abschied. Das letzte Teilstück der Etappe zieht sich. Alle haben wir Hunger. Endlich erreichen wir den Renzenhof, hier treffen wir die anderen wieder. Benjamin und ich sind froh, die ganze Gruppe wieder vereint zu wissen. Die Gastwirtin, Frau Stangl, zögert nicht lange und serviert Getränke, Schnitzel, Marillenknödel und noch mehr Schnitzel und Marillenknödel. Die Meute ist hungrig. Der Abend pendelt mit Duschen, Schach spielen, Gesprächen in die Müdigkeit aus.

Im Anmarsch auf die Araburg.

Raubritterei wurde früher auf der Araburg betrieben. Die im 12. Jahrhundert errichtete Burg hielt der zweiten Türkenbelagerung 1683 nicht stand und ist seither eine Ruine. Auf dieser Ruine rasten wir in etwa 800 Meter Höhe auf unserer Etappe von Kaumberg nach Sankt Veit an der Gölsen. Die Pause tut nach dem senkrechten Anstieg gut. Die Strecke ist kurzweilig, solange wir auf dem Bergkamm entlang laufen. Später im Tal dehnt sich der Weg wie ein Expander schwer und lang. Einige Schnellläufer haben die grandiose Idee eine Abkürzung zu nehmen und dehnen den Weg zusätzlich aus. Die längere Strecke wird jedoch mir angelastet. Die Welt ist verrückt. Lisa F. gesteht mir, während wir ein Stück gemeinsam gehen, dass sie nur von ihrer Wut auf mich angetrieben werde. Heute brauche ich ein dickes Fell. Sarah nimmt aufgrund ihrer Fuß-Verfassung in Begleitung von Sandra den Bus nach Sankt Veit an der Gölsen. Der Name klingt übrigens schöner als die Stadt ist. Das Pfarrhaus in der Mitte des Ortes ist für diese Nacht unsere Herberge. Die Etappe fordert ihren Tribut. Wir sind alle ziemlich kaputt. Und trotzdem sind jetzt die Matratzen für das Lager, Tische und Stühle für das Essen aus dem Keller zu holen. Einkaufen, kochen und spülen stehen noch an. „Yeah-Ha.“ „Stimmung!“ Das Kochen übernehmen Luisa und Leon, Nick und Daniel K. decken den Tisch. Spagetti mit Tomatensoße. Nick trinkt übrigens auch noch mein Bier. Benjamin trifft erst später ein, sein Knie schmerzt sehr. Die gute Nachricht an uns lautet an diesem Abend, wir haben ein eigenes Zimmer. Am Abend tafeln wir alle vor dem Haus im Freien. Für den nächsten Tag gilt es noch eine Entscheidung zu treffen. Denn die nächste Etappe ist 34 km lang. Wir teilen die Gruppe.

Rast auf der langen Strecke.

Ein Teil der Gruppe geht mit Benjamin später los und fährt ein Zwischenstück mit dem Zug, der andere startet mit mir früh und wird ca. 34 km laufen. Es ist die härteste Etappe. Hitze und Kälte, Sonne und Regen, Wald- und Asphaltwege wechseln sich ab wie der metallische Taktschlag von Isabels Stöcken. Benjamins Gruppe ist nur wenige Zeit vor uns am Ebnerhof bei Türnitz. Sie haben noch für uns alle das Abendessen eingekauft. Meine Gruppe trifft erst spät auf dem Bauernhof ein. Doch alle werden belohnt. Es gibt einen Pool mit kaltem, klaren Wasser und Würstchen, Brot und Gemüse. Ich bin total am Ende und froh endlich da zu sein. Abends sitzen wir alle am Lagerfeuer. Es ist schön. Sarah hat die Etappe mit Benjamins Gruppe geschafft. Auch das ist schön. Am nächsten Morgen bereitet die Wirtin Rita Schwerwacher ein tolles Frühstück für uns zu.

Die vorletzte Etappe nach Annaberg steht an. Ab jetzt laufen wir nur noch gemeinsam. Wir erinnern uns an die alte Frau und die Falkenschlucht. Sollte es wirklich höllisch werden? Nein. Sehr schnell erreichen wir den Eingang zur Schlucht, so dass wir eine lange Mittagspause einlegen. Danach steigen wir durch die Klamm steil Berg auf. Für Benjamin wird es noch beschwerlicher. Sein Knie macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Er hält aber trotz massiver Schmerzen durch. Der Weg nach dem Aufstieg sollte eigentlich nur noch kurz sein. Acht Kilometer. Aber egal welches Schild wir zu Gesicht bekommen, wir nähern uns Annaberg nicht. Überall steht: Acht Kilometer. Die alte Frau kommt mir wieder in den Sinn. Blöderweise geht mir das Wasser aus und die letzten Kilometer fantasiere ich von allerlei Getränken. Wir rasten noch einmal an einer großen Bergwiese. Lara und Helene haben anscheinend noch Energie. Sie besteigen den Berg oberhalb der Wiese und rennen nach unten, als ob ihre Beine Räder wären. Wir laufen weiter. Ein Schild: Acht Kilometer. Ich träume von einer kalten Apfelsaftschorle, die sich im Traum zu einem großen Radler verwandelt. Endlich. Annaberg. Wir beziehen das Pfarrhaus zur Wallfahrtskirche, welche etwa im Jahr 1332 gebaut wurde. Es gibt ganz viele Zimmer und Platz für alle. Sogar Betten. Eine sehr hilfsbereite Messnerin hat für uns alles vorbereitet. Wieder kochen wir selbst. Es gibt Pizza und Spagetti. Die Stimmung ist gut. Unsere lange Tafel im Flur mutet an wie eine Abendmahlsszenerie. Von draußen ist ein Donnern und Grollen zu hören. Wind und Regen. Drinnen ist es gemütlich.

Unsere letzte Wegstrecke beginnen wir in der Wallfahrtskirche. Wir nehmen Platz. Es riecht nach Weihrauch. Wer will betet und kann eine Kerze anzünden. Danach beginnt unser Schweigen. Diese Etappe geht jeder für sich und schweigend. Es ist schon merkwürdig, wie bewusstes Schweigen das Laufen verändert. Ich nehme die Natur aufmerksamer wahr und hänge meinen Gedanken nach. Während der ganzen Wegspanne bin ich seltsam berührt. Ist es die Belastung des Weges? Ist es das nahe Ziel? Ist es das Gemeinschaftserlebnis? Ist es Gott? Die Vernunft schließt das Letztere aus. Der Zweifel gilt diesmal aber der Vernunft. Kurz vor Mariazell in St. Sebastian beenden wir das Schweigen. Zusammen setzen wir uns auf einer überdachten Rundbühne in einen Kreis. Benjamin fängt an. Er legt einen von zuhause mitgebrachten Stein in die Mitte und erzählt eine sehr persönliche Geschichte. Jeder, der will, kann ebenso etwas sagen. Und einige tun das. Privat, persönlich. Ich auch. Die Situation ist sehr intensiv, sehr emotional, ungeplant und unberechenbar. Für mich ist das sehr berührend und ich weiß nicht, wie ich das einordnen soll. Ich bin an diesem Tag hilflos meinen Tränen und Gefühlen ausgeliefert. „Stimmung!“ Aber was für eine?

Am Ziel: Blick von oben in den Talkessel von Mariazell. Links sieht man die Basilika.

 

Endlich. Ankunft in Mariazell. Die Gruppe ist inzwischen wieder ziemlich weit auseinandergezogen. Benjamin und ich treffen als Letzte ein. Benjamins Knie. Kurz vor dem Ortseingang warten alle auf uns, um gemeinsam zur Basilika zu laufen. Von Weitem sehen wir die beeindruckende Basilika im Talkessel stehen. Es ist schön am Ziel zu sein. Alle stellen ihren Rucksack im Eingangsportal der Basilika ab. Jeder begibt sich auf seinen eigenen Weg durch die außergewöhnliche Kirche. Mich beeindruckt besonders der Hochaltar im hinteren Teil mit der eingespannten Weltkugel. Immerhin ist die Basilika einer der wichtigsten Wallfahrtsorte Europas. Vor dem Hauptportal machen wir noch ein Gruppenfoto.

Jetzt ist unser Pilgern zu Ende, aber unsere gemeinsame Reise geht noch weiter. Und zwar zum Erlaufsee. Wir erledigen noch letzte Einkäufe in Mariazell und marschieren weiter zum See. Unsicher, ob wir noch einen Stellplatz ergattern, kommen wir nach etwa einer Stunde abends an. Stellplätze sind kein Problem. In gelöster Atmosphäre heißt es, Zelt aufbauen, baden gehen und wieder wundervoll zusammensitzen, essen, trinken, reden. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen und der Nebel erobert sich nach und nach den See.

Am Relax-Tag wird gebadet, gekocht, herumgelegen. Ich verliere im Schach. Das ist bitter. Benjamin und ich probieren Stand-up-Paddeln aus und machen eine hervorragende Figur. Bis Lisa F. mein Brett betritt. Ohne Gleichgewicht tauche ich ab. Den Abend bis nach Mitternacht verbringen wir alle gemeinsam auf dem Bootssteg am See. Vom Strandbuffet tönt Live-Musik rüber. Wir reden, wir lachen. Benjamin kämpft mit Cornelius um die Vorherrschaft auf dem Bootssteg. Beide landen im Wasser. Wir lachen, wir reden, wir werden still. Wir lachen und flüstern in die Nacht. Die Welt scheint irgendwie in Ordnung zu sein. Eine Frage ist noch offen, ob Frauen die besseren Läufer sind? Ich kann das nicht beantworten. Aber eines weiß ich genau. Wir hatten den Einen als guten Begleiter mitten unter uns. Bei wem soll ich mich also bedanken? Ich sage einfach „Danke“. Irgendjemand wird es hören. „Yeah-Ha.“ „Stimmung!“

von Axel Wirsam