Liftgeschichten

Die Sonne scheint, der Schnee glitzert. Strahlend blauer Himmel bei einer Temperatur von minus vier Grad. An der Talstation dudelt Almmusik aus einem Lautsprecher – Musik, die zumindest mein Vater immer nur mit „die Mukke“ bezeichnet. Eigentlich nicht wirklich mein Fall, aber hier gehört das irgendwie dazu. Keine Leute warten am Skilift, auch sonst ist fast niemand unterwegs, trotz der traumhaften Bedingungen. Ruhe und Frieden und freie Pisten. Kurzum: der perfekte Tag für jeden leidenschaftlichen Skifahrer. 

Ähhhhhm. Korrektur. Der fast perfekte Tag. Grund meiner Zweifel ist der kleine Junge, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, der soeben mit uns und seinem Vater den Sessellift bestieg. Dabei war ich eigentlich sogar ganz stolz auf den Kleinen. Immerhin hat er es tatsächlich geschafft, sich in den Lift zu setzen, ohne hinzufallen, Stöcke zu verlieren, sich zu verknoten oder einen allgemeinen Kollateralschaden zu verursachen. Aber warum fängt er jetzt an zu singen? Warum? Natürlich, er ist noch klein und soll seinen Spaß haben, aber ernsthaft, warum? Nun, genau genommen handelt es sich bei seinem Gesang eher um Walgesang. Oder Ziegen. Hirsche? Möglicherweise war auch eine Kuh dabei. Oder ein Hund. Eventuell noch ein Huhn, schwer zu sagen, es folgt ziemlich schnell auf einander. 

An dieser Stelle muss gesagt sein, dass Livigno, mein (wenn man so will) Stammskigebiet, sehr kinderfreundlich ist. Dagegen habe ich rein gar nichts (auch das muss gesagt sein). Nur sind die Gestalten (ja, diesen Begriff verwende ich wirklich), die man vor allem in besagten Liften trifft, öfter etwas, nun ja, interessant?! Dies schließt übrigens alle Wintersportler im Alter von 6 – ca. 70 ein. Und über die wir gerade wegen ihrer interessanten Präsenz wirklich einmal sprechen sollten. 

Da wäre zum Beispiel das sehr hochdeutsche ältere Ehepaar (keine Skifahrer, reine Hüttengänger und augenscheinlich begeisterte Wanderer), welches mir dieses Mal gegenübersitzt. Hochdeutsch deshalb, weil sie (zusätzlich zu ihrer sehr korrekten Ausdrucksweise) anscheinend kein Wort von dem verstehen, was meine Eltern und ich in zugegeben etwas breiterem Schwäbisch von uns geben. Natürlich nicht an das Ehepaar gewandt, aber mal ehrlich, wer hört anderen „Mitliftern“ nicht gerne zu, selbst wenn man sie nicht ganz (oder gar nicht) versteht? Der Gesichtsausdruck der Beobachteten lässt jedenfalls verlauten, dass sie angestrengt versuchen, das Herkunftsland meiner Familie zu erraten. 

Nicht dass man sich für diese Ratespielchen schämen müsste, im Gegenteil. Wir alle spielen sie, ich eingeschlossen. Zum Beispiel mit den beiden jungen Männern und einer Frau im selben Alter, alle gekleidet wie auf einer Nordpolexpedition. Das wirklich interessante ist jedoch ihre (wie sollte es auch anders sein) Konversation: Die drei unterhalten sich auf Englisch (was den unfreiwilligen Effekt hat, dass ich jedes Wort verstehe, dass gesagt wird). Den Akzenten nach zu urteilen, kommen alle aus verschiedenen Ländern. Einer der beiden Typen spricht in glatt gebügeltem British English, was es sowohl mir als auch seinen Begleitern erschwert, ihn ganz korrekt zu verstehen. Das Mädchen, dass wohl diese Woche zum ersten Mal in ihrem Leben Ski fährt, könnte aus dem deutschsprachigen Raum kommen. Der Dritte im Bunde (und der einzige Snowboarder) ist nicht zuzuordnen. Was es umso interessanter für mich macht, mir vorzustellen, was diese jungen Menschen hier zusammengebracht hat. Kannten sie sich schon vor dem Urlaub? Gehen sie auf dieselbe Universität? In welcher Beziehung stehen sie zueinander? 

Fragen über Fragen, die sich nie klären werden. Denn jeder Lift hat ein Ende, und damit auch jede Liftgeschichte. Trotzdem werde ich definitiv nicht aufhören, diese Gestalten um mich herum ganz genau anzuschauen. Tun sie ja auch nicht. 

von Sarah Drescher (Klasse 9b)

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