Von Klavier und Flöte

Still ist es in den Gängen. Wo sonst ein Gedränge und Reden herrscht, dass man das eigene Wort nicht hört, ist es ausnahmsweise ganz still. Nur von fern hört man Musik, ein Klavier und … eine Flöte? Ja, eine Querflöte. 

Es ist ein paar Stunden nach Schulschluss und gleich beginnt meine Musikstunde. Leise klopfe ich an die Tür des Musiksaals, öffne sie und gehe zu meinem normalen Platz. Tasche ablegen, Instrument zusammenbauen. Ein Blick auf die Uhr. Ich habe noch fünf Minuten. Ich setze mich auf den Tisch und blase in meine Querflöte, um sie aufzuwärmen.

Kurze Zeit später lege ich meine Noten auf den Ständer und schlage die Tonleitern auf. Hinter mir schreibt meine Lehrerin die Hausaufgaben der letzten Schülerin in deren Heft. Ja, Hausaufgaben. Wie in der Schule gilt auch bei einem Musikinstrument: Üben, wiederholen, spielen. Eine halbe Stunde pro Woche reicht nicht. (Eine halbe Stunde ist die übliche Zeit, bei manchen Lehrern natürlich auch länger). Vorsichtig spiele ich einen Ton. Lausche und drehe den Kopf ein bisschen nach Innen. 

Die heutige Querflöte besteht aus drei Elementen: Kopf, Mittelteil und Fußstück. Sie hat – anders als die Sopran-Flöte – Klappen für die Finger, nicht nur Löcher. Es gibt mehr Klappen als Finger, aber manche der Klappen schließen mehr als ein Loch (manche öffnen sogar eins). Apropos Sopran-Flöte: Die Blockflöte gibt es nicht. Die, die meistens Blockflöte genannt wird, ist in Wirklichkeit die Sopran-Blockflöte. Ebenso gibt es auch die Altflöte (größer) und Tenorflöte (noch größer). Und noch andere, die hier aufzuzählen, aber sehr lang dauern würde. Der Kopf einer Querflöte enthält oft Silber und besitzt im oberen Drittel ein Loch, das Mundloch genannt wird. Der Ton entsteht, wenn der Luftstrom auf diese Kante trifft; die Tonhöhe kommt von den unterschiedlichen Schwingungen, je nachdem, wie viele Löcher offen oder geschlossen sind. Übrigens: es gilt nicht „je mehr Löcher zu sind, desto tiefer ist der Ton“. Schön, wenn es so einfach wäre. Die Grifftabelle ist deutlich schwieriger, aber in Worten schwer zu erklären und ohne Kenntnis der verschiedenen Klappen sehr verwirrend. Die Querflöte umfasst etwa drei Oktaven.

Ich beginne mit den Tonleitern. Hoch und runter. Meine Lehrerin hinter mir schüttelt den Kopf und meint: „Nein, Muriel. Viel zu unsauber. Noch mal“. Ich hole Luft und beginne noch mal von vorn. Dass Querflöte schwieriger ist, als ihre allerwelts-bekannte Sopran-Flöte liegt hauptsächlich daran, dass sie keinen „Schnabel“ hat, der die Luft dahin bringt, wo sie gebraucht wird. Wenn der Luftstrom nicht genau dahin kommt, wo er hin soll, klingt der Ton „schwammig“ und unsauber. Außerdem verschiebt er sich um ein wenig nach oben oder unten. Das ist nicht viel, klingt aber blöd und kann sich, besonders bei einem Abschlusston, schräg anhören. Als ich mit dem Aufwärmen fertig bin, beginne ich mit den Hausaufgaben. Einmal vorspielen, dann kommt das Klavier dazu. „Mach mir doch bitte ein a“, meint meine Lehrerin. „Nein, kräftiger. Gut. Und jetzt das hohe“. 

Ich beginne noch einmal von vorne, diesmal mit Klavier. Einmal verspielt sich meine Lehrerin, dann verspiel ich mich. „Du bist schon echt gut im aus dem Stegreif spielen“, scherzt meine Lehrerin. „Aus dem Stegreif“ bedeutet so viel wie einfach so, also wenn man nicht geübt hat. Und stimmt, manchmal ist es schwer, das Üben mit für-die-Schule-lernen in Einklang zu bringen. Manchmal schaffe ich es, manchmal, wie jetzt, eher nicht. Aber wenn einem das Spielen Spaß macht, geht es gut. Wenn nicht… wenn es gar keinen macht, dann hört man am besten auf. Außer am Anfang: Da muss man einfach durchhalten. Wenn man es besser kann, macht es meistens mehr Spaß. Und wenn man es eigentlich nicht so gern macht, aber es irgendwie trotzdem nicht wegwerfen möchte, sollte man darüber nachdenken, warum man es nicht mag. Vielleicht liegt einem ein anderes Instrument mehr? Oder man mag den Lehrer nicht? Wechseln ist einfach, es gibt sehr viele Instrumente und auch viele Lehrer, die diese lehren. Und wenn man es liebt, aber keine Zeit dafür hat, muss man leider Prioritäten setzten. Aber den ganzen Tag lernen, ist auch nichts.

Wir spielen das letzte Stück zusammen, die nächste Schülerin kommt. Ich gebe der Lehrerin mein Hausaufgabenheft und packe ein. Also zurück in die stillen Gänge und nach Hause. Für den Rest der Woche heißt es jetzt: üben, üben, üben.

von Muriel Ziegler (Klasse 9b)

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